Agile Acceleration“

kuratiert von Eleonora Frolov

15. – 28. April, 2021

In der Uraufführung des Stückes Violetter Schnee nimmt der russische Dramatiker Vladimir Sorokin
2019 die Auswirkungen eines Ausnahmezustandes auf das Menschsein noch vor dem Ausbruch
der gegenwärtigen Pandemie vorweg: Die Gesellschaft ist abgeschottet, das Leben ist durch einen Schneesturm lahmgelegt, die Weltordnung erschüttert. Die Menschen erfahren eine zermürbende Ungewissheit, Isolation und das Zurückgeworfensein auf sich selbst. Die Zeit scheint still zu stehen. Ein Jahr später erleben wir, wie ein kleines Virus, analog zu jenem Schneesturm, die Menschen aus ihrer Lebensnormalität herausreißt und massenhaft aus den Städten verdrängt. Unsichtbare Teilchen provozieren die Zukunft und beschleunigen den Fortschritt. Wie werden wir in Zukunft leben, und wie wird unser Lebensraum aussehen?

Der italienische Geologe Antonio Stoppani schrieb bereits 1873, es gäbe „eine neue tellurische Macht, die es an Kraft und Universalität mit den großen Gewalten der Natur“ aufnehmen könne und spricht in diesem Zusammenhang vom „anthropozänen Zeitalter“.

Inna Artemova schöpft aus ihrer Erinnerung und subjektiven Vorstellungskraft visionäre Ideen für ihre Bilderwelten. In der raumgreifenden Installation Agile Acceleration spielt sie in einem Gedankenexpe- riment die architektonische Vision einer künftigen Stadt als (Zusammen)Lebensraum durch: in der Metropole, auf dem Land, vertikal, horizontal, evolutionär, modular, agil und wandelbar. Die Stadt als Lebensform passt sich unseren Bedürfnissen an und nicht umgekehrt, sie ist immer in Bewegung.

Modulare Würfel schweben in der Vertikalen, verlassen das Bild und bauen sich im Raum auf.
Agil verändern sie ihre Position und passen sich neuen Anforderungen an. Scheinbar unberechenbar folgen sie doch ganz bestimmten Algorithmen, durch die eine nachhaltige menschengerechte Stadt geformt wird. Wir schauen dem Prozess bei der Entstehung zu.

Die Stadt bildet ab, wie eine Gesellschaft sich organisiert. Durch Homeoffice haben sich bestehende Hierarchien aufgelöst, an ihre Stelle sind Netzwerke getreten. In den Städten entstehen gigantische Ruinen der modernen Gesellschaft, sagt Niklas Maak. Die Architektur der Stadt hat sich in der Folge von Katastrophen schon oft transformiert, sie wurde hygienischer, Ressourcen sparender. Für die Zukunft werden umweltfreundliche und biobasierte Konzepte diskutiert.

Inna Artemova gestaltet in einem Feldversuch eine agile Lebenslandschaft als Stadt der Zukunft, flexibel, beweglich, vernetzt und selbstorganisiert. Ein Plädoyer dafür, sich der Komplexität unserer Gegenwart zu stellen und mutig die Stadt der Zukunft neuzuerfinden.

Eleonora Frolov, Kuratorin

Die Einzelausstellung Agile Acceleration von Inna Artemova ist ein Teil der grossen Ausstellungs- reihe unter dem Titel IT MAY SOUND UTOPIAN im Kunstraum DISKURS Berlin als zweite Runde des Ausstellungsrelais in 2021 und ist vom 15. bis 28. April zu sehen.

10 Internationale Künstler*innen und Kurator*innen wurden durch Open Calls IT MAY SOUND UTOPIAN für 5-monatige Ausstellungsstaffeln ausgewählt. 10 Einzelausstellungen sind für jeweils 2 Wochen von Februar bis Juni geplant.

Utopia klingt vielleicht nach einem romantischen und unrealistischen Konzept, aber mehr als je zuvor brauchen wir es dringend, um diese schwierige Zeit zu überwinden.

Dieses Projekt wurde speziell entwickelt, um durch die Fenster von DISKURS Berlin betrachtet zu werden, während die Türen geschlossen bleiben.

Da die Ausstellungen alle zwei Wochen wechseln, soll dieses rasante Ausstellungsprogramm die Kunstszene dabei unterstützen, sich gegen die COVID-19-Krise zu behaupten und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nicht zu verlieren.

DISKURS Berlin Novalisstraße 7 10115 Berlin www.discursus.info

Einzelbesuch vom 15. bis 28. April, 2021 auf Anfrage:

Eleonora Frolov +49(0) 176 875 204 55, ef@frolov.ch

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